BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
Die Ergebnisse des Modell- und Demonstrationsvorhabens „Bedrohte Rinderrassen als Landschaftspfleger“, das der BUND Niedersachsen von 2007 bis 2011 in der Sudeaue realisiert hat, liegen vor. Das wichtigste Fazit: Bedrohte Rinderrassen eignen sich hervorragend als Landschaftspfleger.
Das Modell- und Demonstrationsvorhaben des BUND endet am 30. Juni 2011, doch das Gesamtprojekt „Sudelandschaft" wird weitergeführt (künftige Ansprechpartner siehe unten). Die Sudelandschaft liegt im Grenzbereich von Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, zwischen Boizenburg und Neuhaus rechts der Elbe. Die Sude ist ein kleiner Nebenfluss der Elbe.
Vier Jahre koordinierte das Projektbüro des BUND in Boizenburg/Elbe das Modellvorhaben zur Erprobung extensiver Weidehaltung mit alten, vom Aussterben bedrohten Rinderrassen: Deutsches Shorthorn, Schwarzbuntes Niederungsrind und Rotbunte-Doppelnutzung. Alle drei Rassen haben trotz ganzjähriger Außenhaltung und spartanischer Fütterung (Gras/Heu) jedes Jahr gesunden Nachwuchs erzeugt. Die Kälber wurden jeweils im Herbst abgesetzt und in entsprechende Zuchtgruppen auf den Betrieben integriert. Erste Schlachtungen von Bullen erbrachten gute Schlachtkörperqualitäten. Die Frage nach der Eignung zumindest dieser gefährdeten Rassen zum Einsatz in der Landschaftspflege kann mit einem klaren „Ja“ beantwortet werden.
Das Projekt wurde zur Hälfte vom Bundeslandwirtschaftsministerium über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung finanziert und von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen ideell unterstützt. Wissenschaftlich begleitet wurde das BUND-Projekt vom Institut für Ökologischen Landbau im J.H. von Thünen-Institut in Trenthorst. Die Aufgaben umfassten die Überwachung der Tiergesundheit, die sozio-ökonomische Bilanzierung und die Bewertung der Produktionsleistungen. Betreut wurden die drei Herden (jeweils zwölf Mutterkühe und ein Zuchtbulle) von den Mitarbeitern zweier landwirtschaftlicher Großbetriebe in Besitz (konventioneller Betrieb) und Preten (ökologischer Betrieb).
Landwirt Seebürger (Bio-Betrieb) sagt: „Wir haben in den vier Jahren erfolgreich dank guter Kommunikation die Fragestellung nach der Haltung bedrohter Rassen auf Feuchtgrünland und die Ansprüche des Naturschutzes unter einen Hut bekommen. Ich habe neue Impulse für eine positive Weiterentwicklung von Weidehaltungsmodellen erhalten und sehe in einer engen Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Naturschutz gute Ansätze für eine nachhaltige Form der Landnutzung und des Ressourcen- und Artenerhalts.“
Landwirt Pfohl (Schäferei) bilanziert: „Mit dem Projekt bot sich die gute Möglichkeit, das Feuchtgrünland des Betriebes besser zu nutzen und in die Haltung einer Mutterkuhherde einzusteigen. Die Shorthorn-Rinder haben sich gut entwickelt und die extensive Beweidung wirkt auch nachhaltig auf die Natur. Auch wenn das Projekt bisher keinen Gewinn abwirft, werten wir die bisher gemachten Erfahrungen positiv."
Die wissenschaftliche Begleitung des Projektes erfolgte durch ein Spezialistenteam des „von-Thünen-Instituts“, Abteilung Institut für ökologischen Landbau in Trenthorst. Während Veterinäre zweimal jährlich die Rinderherden untersuchten, führten Ökonomen Befragungen der Betriebsleiter sowie des Projektkoordinators durch.
Alle drei Rassen kamen mit der extensiven, ganzjährigen Außenhaltung relativ gut zurecht und produzierten mit einem Futterangebot von Weide im Sommerhalbjahr und Heuzufütterung im Winter gesunde Kälber. Mit einer verhaltenen Wurmbehandlung konnten die Tiere trotz des Feuchtgrünlandes vor einem massiven Parasitenbefall bewahrt werden. Als wichtig erwies sich ein ganzjähriges Angebot an Mineralfutter, insbesondere mit Selen-Anteilen. Probleme ergaben sich bei der Rotbunten-Herde teilweise beim Klauenwuchs. Hier wurden mehrfach Pflegeeingriffe notwendig.
Insgesamt sind die Shorthorn-Rinder mit der extensiven Haltungsform am besten zurecht gekommen (Abkalbung, Klauen, Futterverwertung, allgemeiner Gesundheitszustand). Dieses Ergebnis wird sicherlich beeinflusst von ihrer Herkunft: Während letztgenannte aus Mutterkuhherden stammten, sind die Schwarz- und Rotbunten Herden aus Milchviehbetrieben in die Sudeniederung gewechselt!
Die Nutzung der alten Rassen zu Zwecken des Naturschutzes konnte erfolgreich in die Arbeitsabläufe der Betriebe integriert werden. Die gute Akzeptanz in der Öffentlichkeit beeinflusste die Motivation der Akteure positiv, auch wenn betriebswirtschaftlich kein Gewinn erzielt wurde. Somit scheint ein solches Projektmanagement ohne Förderung nicht sehr realistisch.
Durch die extensive Beweidung des Feuchtgrünlandes mit geringem Tierbesatz pro Hektar kann sich die in diesem Biotoptyp heimische Flora und Fauna gut entwickeln. So konnten am Tag der Artenvielfalt ausgewiesene Experten in den Sudewiesen und den angrenzenden Landschaftselementen bei Preten über 1000 Pflanzen- und Tierspezies nachweisen. Neben den hier brütenden Weißstorchpaaren suchen auch Schwarzstörche an den geschaffenen Flachgewässern nach Nahrung. Kiebitz, Bekassine und Großer Brachvogel fühlen sich hier ebenso zu Hause wie Teichrohrsänger, Wiesenpieper und Braunkelchen. Auf den Weiden und an den Randbereichen konnten nahe zu
30 Rote-Liste-Pflanzenarten gefunden werden. Hierzu gehören Arten wie Röhriger Wasserfenchel, Borstige Schuppensimse, Wiesen Alant und Gräbenveilchen. Diese Entwicklung dokumentiert die große Bedeutung des Grünlandes für den Erhalt der Biodiversität.
Während Versuche der überregionalen Fleischvermarktung scheiterten (Bio und konventionell, verschiedene Rassen, kein kontinuierliches Angebot) konnte in den ersten drei Monaten des Jahres 2011 das Fleisch von zwei Shorthorn- und einem Rotbunten Bullen nach öffentlicher Werbung in Zehn-Kilogramm-Paketen mit verschiedenen Teilstücken an Bürger der Gemeinde Besitz/Blücher verkauft werden. Schlachtung, Zerlegung und Verpackung erfolgte sehr professionell in der neuen Schlachterei auf dem Biobetrieb Gut Gallin.
Beide am Projekt beteiligten Betriebe haben eine Herde übernommen. Während die Schwarzbunten Niederungsrinder in der Stammherdengröße von zwölf Tieren weiter Nachzucht produzieren sollen, wird die Shorthorn-Herde bis auf 50 Muttertiere aufgestockt. Hierfür konnten durch Zuwendungen der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung (NUE) und der Deutschen Umweltstiftung (DUH) weitere Flächen eingerichtet und mit der notwendigen Infrastruktur ausgerüstet werden.
Es bietet sich die Möglichkeit, die gefährdeten Rinderrassen auch in das von Herrn Heckenroth (Stork Foundation) initiierte und vom Biosphärenreservat sowie dem Landkreis Lüneburg unterstützte Projekt „Arche Region Amt Neuhaus“ aufzunehmen und somit einen Beitrag zum Erhalt vom Aussterben bedrohter Haustierrassen zu leisten.
Perspektiven für die Betriebe können auch in der von den Biospärenreservatsverwaltungen geplanten Schaffung eines Netzes von Partnerbetrieben liegen. Mit nachhaltiger Wirtschaftsweise, regionaler Wertschöpfung und Öffentlichkeitsarbeit soll auf die Etablierung einer Regionalmarke hingearbeitet werden.
Nicht zuletzt geben die Diskussionen um die anstehende Agrarreform mit Forderungsschwerpunkten nach einer Aufwertung des Grünlandes und durchgängiger Ökologisierung Hoffnung für die Möglichkeit einer weiteren extensiven Nutzung des Feuchtgrünlandes an der Sude.
Hier können Sie die Ergebnisse in Kurzform als pdf herunterladen.
Land unter an der Sude und ihren Nebenflüssen! Die Weideflächen der drei Modellherden stehen unter Wasser und es wird noch Wochen dauern, bis sich das Wasser vollständig zurückgezogen hat!
Die Rinder verbringen die Zeit des Hochwassers auf sandigen, trockenen Flächen hinter dem Deich und werden hier mit Heu von den extensiv genutzten Wiesen gefüttert!
... unter diesem Motto startete das Projektbüro den Versuch, BürgerInnen der Gemeinden Blücher-Besitz frisches Rindfleisch aus der Sudeaue von den gefährdeten Shorthorn-Rindern anzubieten. Mittels Faltblatt mit entsprechenden Informationen und angehängtem Bestellzettel konnten die Bewohner der beiden Ortschaften 10 kg Fleischpakete mit verschiedenen Teilstücken des Rindes bestellen! Die Resonanz auf dieses Angebot regionaler Vermarktung war so groß, dass innerhalb von 10 Tagen gleich 2 Shorthorn-Bullen geschlachtet und verarbeitet werden mussten! Diese Arbeit übernahm die neueingerichtete Hofschlachterei auf dem Gut Gallin nur wenige Kilometer nördlich von Boizenburg! Auf Grund der überraschend guten Nachfrage überlegen die Initiatoren diese Art der Regionalvermarktung nach einer gewissenhaften Auswertung des Versuches zu professionalisieren und auszubauen! Zum Vorteil für den Erhalt der alten Rasse, für den landwirtschaftlichen Betrieb und den Verbraucher durch kurze Wege, faire Preise und sehr guter Qualität!
Zweimal im Jahr, jeweils im Frühjahr und Herbst, werden die Tiere der drei Modellherden untersucht. Veterinäre und Mitarbeiter des Institutes für Ökologischen Landbau reisen dann für einen Tag aus Trenthorst (Schleswig-Holstein) an, während die Mitarbeiter der zwei beteiligten landwirtschaftlichen Betriebe die Herden bereits am frühen Morgen in entsprechenden Fanggattern zusammen führen.
Da die Rinder der Stammherden diese Prozedur bereits kennen, können die meisten Tiere ohne Stress in den Behandlungsstand geleitet werden. Die Veterinäre beurteilen den Gesundheitszustand der Tiere. Das Gewicht wird ermittelt und Kotproben genommen, um im Labor Untersuchungen auf Parasitenbefall vornehmen zu können. Bei Bedarf sind im Stand auch Vorrichtungen zur Klauenbehandlung angebracht!
Trotz der extensiven Haltung und des relativ langen Winters wurde der Zustand der Tiere auch diesmal, bei der Untersuchung am 13. April, als gut bewertet. Und so sind inzwischen in den drei Herden auch die meisten Kälber dieses Jahres schon geboren und genießen unter mütterlicher Fürsorge die ersten wärmenden Sonnenstrahlen.
Pressemitteilung: Interessenverband gegründet - Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung gründen Interessensverband (Veröffentlicht unter www.biofleischhandwerk.de , PDF-Format, ca. 240 KB)