Gipsabbau zerstört die Landschaft
(BUND)
Heute wurde das „Interdisziplinäre Gutachten zur Gesamtlage des Rohstoffs Gips in Niedersachsen“ vorgestellt. Die Niedersächsische Landesregierung hatte das Gutachten beauftragt. Der BUND kritisiert das Vorgehen und die Ergebnisse des Gutachtens scharf. Das Gutachten lässt eine zukunftsfähige Rohstoffstrategie und einen verantwortungsvollen Umgang mit der einzigartigen Gipskarstlandschaft im Südharz vermissen. Zudem wurden die Umweltverbände in die Erarbeitung des Gutachtens nicht eingebunden.
Susanne Gerstner, Vorsitzende des BUND Niedersachsen, kritisiert: „Die Erarbeitung des Gutachtens hinter verschlossenen Türen steht im krassen Gegensatz zu der für Niedersachsen beispielhaft gelebten Dialogkultur zwischen Politik und Verbänden im Sinne des Niedersächsischen Weges. Ein offener Diskurs, in den frühzeitig die verschiedenen Perspektiven von Politik, Kommunen, Wirtschaft und Naturschutz eingebracht werden können, fand nicht statt. Dieser wäre umso dringlicher gewesen, als es hier um die Zukunft der einmaligen Gipskarstlandschaft und den seit Jahrzehnten geltenden Gipsfrieden im Südharz geht.“
Eine erste Bewertung des BUND zum Gutachten fällt ausgesprochen kritisch aus. Nicht alle Belange von Industrie, Naturschutz, Tourismus und Regionalentwicklung werden im Gutachten gleichermaßen sorgfältig geprüft und abgewogen. Stattdessen werden einseitig die wirtschaftlichen Interessen der Gipsindustrie in den Fokus gerückt und münden in Forderungen nach zusätzlichen Flächen für den Naturgipsabbau. Damit stellt das Gutachten den bisherigen Schutz wertvollster Landschaften infrage und öffnet der Zerstörung weiterer sensibler Naturräume Tür und Tor. Nachhaltige Wege für regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze - durch Alternativen für Naturgips, durch Naturtourismus und die Entwicklung eines Biosphärenreservates – werden nicht stringent verfolgt, sondern teils mit fadenscheinigen Begründungen verworfen.
Gerstner weiter: „Das heute vorgestellte Gutachten bleibt hinter den Anforderungen an eine moderne Rohstoffpolitik deutlich zurück. Besonders kritisch bewertet der BUND Niedersachsen, dass das Gutachten einen Ausstieg aus dem sogenannten Gipskompromiss nahelegt, obwohl dessen Fortbestand bislang immer wieder zugesichert worden war. Dabei ist die weitere Zerstörung der einzigartigen Gipskarstlandschaft im Südharz nicht alternativlos. Es gibt längst Lösungen – von Recyclinggips über technische Gipse bis hin zu gipsfreien Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen. Doch genau die bleiben im Gutachten unterbelichtet und werden in den Handlungsempfehlungen weitgehend ignoriert.“
Dass ein Ausstieg aus der Naturgipsverwendung bis 2045 möglich ist, hat der BUND bereits 2020 mit einem umfassenden Gutachten belegt. Auch ein Gutachten von Ernst & Young aus dem Jahr 2022 im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums kommt zu dem Schluss: Rohstoffvermeidung, Suffizienz, Effizienz und Kreislaufwirtschaft seien die Schlüssel zur Verringerung von Versorgungslücken.
Gerstner weiter: „Deutschland verbraucht mehr Gips als jedes andere europäische Land. Statt neue Abbauflächen vorzubereiten, muss der Verbrauch von Primärrohstoffen insgesamt deutlich reduziert werden. Andere Volkwirtschaften, die aus geologischen Gründen keine Gipsvorräte im eigenen Land haben, kommen damit ökonomisch problemlos klar. Die Restlaufzeiten bestehender Genehmigungen liegen je nach Standort noch zwischen acht und 22 Jahren. Dieses Zeitfenster muss genutzt werden, um den Verbrauch zu reduzieren, Recycling, technische Gipse und alternative Baustoffe voranzubringen und in der Region nachhaltige Wertschöpfungsketten und langfristige Arbeitsplätze aufzubauen.“
Der BUND Niedersachsen fordert die Landesregierung auf, das gestern veröffentlichte Gutachten grundlegend zu überarbeiten. Aufgrund eklatanter Mängel sollte es in der aktuellen Fassung keine Entscheidungsgrundlage für den künftigen Umgang mit der Gipskarstlandschaft im Südharz sein. Es sollte vielmehr als Auftakt für den bereits 2020 vom damaligen Umweltminister Olaf Lies angekündigten interdisziplinären Gipsdialog sein. Darin sollten alle relevanten Interessensvertreter*innen frühzeitig eingebunden und alle Belange gleichermaßen Berücksichtigung finden.
Gerstner abschließend: „Wer heute nicht auf Alternativen setzt, verliert morgen wirtschaftlich den Anschluss. Der Naturgips im Südharz ist endlich, der Schaden an Natur und Umwelt immens. Niedersachsen braucht jetzt eine echte Gipswende statt neuer Abbaupläne.“
Hintergrund
Deutschland verbraucht im europäischen Vergleich besonders viel Gips. Der Verbrauch ist dabei in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Gleichzeitig werden bislang nur rund fünf Prozent der Gipsabfälle recycelt, obwohl deutlich höhere Quoten technisch möglich sind und in anderen europäischen Ländern wie in den Niederlanden und Belgien bereits erreicht werden. Alternative Baustoffe aus Holz, Hanf, Stroh oder Lehm sowie technische Gipse stehen bereits zur Verfügung.
Nach Einschätzung des Umweltbundesamtes werden Recycling- und Ersatzgipse bislang vor allem deshalb zu wenig genutzt, weil Naturgips günstig abgebaut werden kann. Für den Südharz hätte eine stärkere Kreislaufwirtschaft erhebliche Vorteile: Die einzigartige Karstlandschaft bliebe erhalten, Deponien könnten vermieden und Arbeitsplätze langfristig gesichert werden.
Weitere Informationen:
Gutachten: "Umweltverträgliche Alternativen zum Abbau von Naturgips"
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