Gewässerrandstreifen in der Agrarlandschaft

Ein Lebensraum für Nützlinge.

Insekten und andere Kleinstlebewesen sind überaus wichtig für das Gleichgewicht unserer Ökosysteme und auch für die Landwirtschaft sind sie von großer Bedeutung: Allein in Deutschland sind über 84 % der Nutzpflanzenarten von der Bestäubungsleistung von Insekten abhängig [11]. Neben ihrem Beitrag als Bestäuber sind viele Insekten Nützlinge in der Schädlingsbekämpfung.

In der heutigen Landschaft fehlen jedoch oft geeignete Habitate und Strukturen, die ein vielfältiges Insektenvorkommen ermöglichen. Der Verlust natürlicher und miteinander verbundener Landschaftselemente hat weitreichende Folgen für wildlebende Tiere und Pflanzen, die auf vielfältige Strukturen angewiesen sind. 

Landwirte spielen eine entscheidende Rolle in der Erhaltung und Entwicklung der landschaftlichen Vielfalt. Sie bewirtschaften eine Vielzahl an Flächen und produzieren tierische oder pflanzliche Erzeugnisse, die zur Nahrungsmittelproduktion dienen. Die Ausführung der landwirtschaftlichen Praktiken hat somit maßgeblichen Einfluss auf die Artenvielfalt. Landwirtinnen und Landwirten haben die Chance die Landschaft aktiv mitzugestalten und ausreichend Lebensräume für Nützlinge und Bestäuber zu schaffen. 

Eine zentrale Rolle kann dabei die Aufwertung von Gewässerrandstreifen spielen. Im naturnahen Zustand bieten sie wertvolle Strukturen und fungieren als Vernetzungselemente für viele terrestrische (an Land lebende), als auch semiterrestrische Arten (teilweise an Landlebende Arten, je nach Stadium). Weiterführende Informationen zu der  Ökologie von Gewässerrandstreifen finden sich in unserem Beitrag Ökologie von Gewässerrändern

Gewässerrandstreifen haben einen nachweislich positiven Effekt auf die Artenvielfalt und Individuenzahl fliegender Insekten in der Agrarlandschaft [1]. In einer Studie von Birnbeck et al. 2024 wurde untersucht, wie sich Gewässerrandstreifen – als ungedüngte, pestizidfreie Grasstreifen entlang von Wasserläufen – auf Biomasse, Artenvielfalt und Anzahl fliegender Insekten in Agrarlandschaften auswirken. An kleinen Fließgewässern und Entwässerungsgräben mit 5 m breitem Gewässerrandstreifen war bereits eine Zunahme von 15% in der Artenvielfalt, 31% in der Individuenzahl und 31% in der Biomasse festzustellen, im Vergleich zu landwirtschaftlichen Standorten ohne Gewässerrandstreifen. Dies traf insbesondere auf Schmetterlinge (Lepidoptera) und Schwebfliegen (Syrphidae) zu [1]. Dabei zählen besonders die Schmetterlinge mit zu den am stärksten bedrohten Gruppen [11]. 

Multifunktionalität der Gewässerränder:

Gewässerrandstreifen können als lineare Verbund-Strukturen durch Längs- und Quervernetzung verschiedene Lebensräume verbinden und damit das Einwandern und die Ausbreitung von Nützlingen am Gewässerrand und in die Agrarlandschaft ermöglichen [2]. Strukturelemente wie hohle Äste oder verfilzte Grasnarben extensiv bewirtschafteter /natürlicher Gewässerrandstreifen bilden Überwinterungshabitate, die intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen nicht bieten können [2]. Darüber hinaus stellen sie Ausweichbiotope dar, wenn während der Vegetationspause das Nahrungsangebot auf den bewirtschafteten Flächen wertvoller Aufwuchs fehlt [2]. In der nächsten Saison können Nützlinge die Flächen wieder besiedeln und durch Nahrungs-, Versteck- oder auch Eiablagemöglichkeiten von ihnen profitieren. Somit können Gewässerrandstreifen auch eine Sicherung der Populationen fördern, vor allem durch mehrjährige Strukturen. 

Die Nützlinge und ihre Rolle in der Landwirtschaft:

Die Hainschwebfliege (Episyrphus balteatus) ist gut an ihren schwarzen Zeichnungen zu erkennen, die an einen Schnurrbart erinnern und sich zwischen den breiten Säumen des Abdomens (Hinterleib) befinden. In Deutschland ist sie sehr häufig zu sehen und ihre Lebensräume sind vielfältig. Während ihre Larven sich räuberisch, insbesondere von Blattläusen, ernähren, sind die Adulten auf einer Vielzahl von Blüten zu finden. Foto: Matthias Heike Abbildung 1: Die Hainschwebfliege (Episyrphus balteatus) ist gut an ihren schwarzen Zeichnungen zu erkennen, die an einen Schnurrbart erinnern und sich zwischen den breiten Säumen des Abdomens (Hinterleib) befinden. In Deutschland ist sie sehr häufig zu sehen und ihre Lebensräume sind vielfältig. Während ihre Larven sich räuberisch, insbesondere von Blattläusen, ernähren, sind die Adulten auf einer Vielzahl von Blüten zu finden [7,8].  (Matthias Heike)

Nützlinge helfen Schädlinge wie Blattläuse, die teilweise Krankheitserreger übertragen, zu kontrollieren und somit einer Überpopulation der Schaderreger entgegenzuwirken [2].   Typische Nützlinge der Landwirtschaft sind z.B. Marienkäfer, Schlupfwespen, Schwebfliegen oder Laufkäfer [2]. Während erwachsene Schwebfliegen als Bestäuber fungieren, ernähren sich die Larven räuberisch, meist von Blattläusen oder anderen weichhäutigen Schädlingen und sind effektive Schädlingsbekämpfer [1,12]. Blütenpflanzen im Gewässerrandstreifen helfen alle Stadien der Nützlinge zu ernähren und eine Nahrungsverfügbarkeit zu sichern [2]. Schwebfliegen besitzen zwar keine besonders haarigen Beine, die wie bei Bienen zum Haften der Pollen dienen, sie sind dennoch die zweit wichtigste Gruppe an Bestäubern in der Agrarlandschaft und können auch über weite Entfernungen in abgelegene Gebiete vordringen [12]. Nachdem die Eiablage oft gezielt an Blattlausreichen Pflanzen erfolgt, verzehren die Larven dort schon in ihrer kurzen Larvenphase bis zu mehrere hundert Blattläuse, egal welcher Art, was insbesondere bei Kulturen wie Zuckerrübe oder Kartoffel einen Rückgang der Schädlingsdichte bewirken kann [12].

Der Siebenpunktmarienkäfer (Coccinella septempuctata) auf der kleinen Braunelle (Prunella vulgaris). Foto: Anja Bockmann Abbildung 2: Der Siebenpunktmarienkäfer (Coccinella septempuctata) auf der kleinen Braunelle (Prunella vulgaris).  (Anja Bockmann)

Auch Marienkäfer (Coccinellidae) stellen eine bedeutende Gruppe von Nützlingen dar: Von den 80 in Deutschland vorkommenden Arten gelten 56 als Nützlinge [6]. Sowohl die Adulten als auch die Larven ernähren sich artspezifisch von Blattläusen, Milben oder Schildläusen. Der Siebenpunktmarienkäfer (Coccinella septempunctata) kann je nach Temperatur bis zu 100 Blattläuse am Tag verspeisen [6]. 

Pro Quadratmeter wachsen 600 Halme, auf denen Marienkäfer Blattläuse fressen können. © Pestizidatlas 2022 Eimermacher/Puchalla, CC-BY-4.0, (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de), keine Änderungen vorgenommen Abbildung 3:Pro Quadratmeter wachsen 600 Halme, auf denen Marienkäfer Blattläuse fressen können.  (Pestizidatlas 2022 Eimermacher/Puchalla / CC-BY-4.0)

Eine weitere Gruppe, die für die Biodiversität und als Nützlinge unerlässlich sind, sind die Hautflügler (Hymenopteren). Vertreter können einerseits als Bestäuber fungieren (Bsp. Bienen), es gibt aber auch Parasitoiden, die eine große Bedeutung als Nützlinge haben. Hautflügler gehören ebenfalls zu den am stärksten bedrohten Gruppen der Insekten [11]. Für sie ist ein naturnaher Gewässerrandstreifen ein Gewinn: Bienen und parasitische Wespen zeigten in genannter Studie eine 42% höhere Individuenzahl im Gewässerrandstreifen als ohne [1]. Schlupfwespen leben als Parasitoiden von anderen Insekten wie der Kohleule [3], eine Schädlingsart aus der Familie der Schmetterlinge, deren Raupen sich in die Futterpflanze einfressen und besonders im Inneren der Pflanze durch ihre Exkremente starke Schädigungen verursachen [5]. Manche Schlupfwespenarten haben sich auf die Eier der Kohleule als Nahrungsquelle für ihre Nachkommen spezialisiert; Die Weibchen nutzen die Eier der Kohleule für ihre eigene Eiablage. Die daraus schlüpfenden Schlupfwespenlarven ernähren sich vom Ei der Kohleule [3]. Eine Schlupfwespenart mit diesem Verhalten ist z.B. Telenomus laeviceps. Grabwespen gehören ebenfalls zu den Hautflüglern und sind in ihrer Nützlings Funktion weit effektiver als Marienkäfer oder Florfliegen: Einige Arten der Gattung Psenulus verproviantieren Blattläuse an ihre Nachkommen [3].

Welche positiven Wirkungen von Gewässerrandstreifen gibt es noch auf die Landwirtschaft?

Die Förderung von Nützlingen durch Gewässerrandstreifen könnte den Einsatz von synthetischen Insektiziden reduzieren.  Oftmals erreichen Insektizide nicht die befallene Stelle, wenn diese zu tief im Inneren der Frucht liegt (Bsp. Kohlraupen tief im Kohlkopf [3]) und auch Resistenzen gegen Insektizide stellen ein Problem dar [3]. Nützlinge könnten da ansetzen, wo Resistenz-Management und Befalls-Kontrolle mit Insektiziden ihre Schwächen zeigen.

Abschließend ist auch zu erwähnen, dass nicht nur Insekten von Gewässerrandstreifen profitieren; Auch Kleinsäuger und Vogelarten gewinnen bei Anlage breiterer Gewässerrandstreifen an Deckungs-, Nahrungs- und Brutmöglichkeiten. Sie mögen zwar nicht direkt einen landwirtschaftlichen Nutzen haben, tragen aber wesentlich zu unserer Artenvielfalt bei!

Quellen:

  1. Birnbeck, S., Burmeister, J., Wolfrum, S., Panassiti, B., & Walter, R. (2025). Riparian buffer strips promote biomass, species richness and abundance of flying insects in agricultural landscapes. Agriculture, Ecosystems & Environment378, 109300.
  2. Merkblätter: 244/1997: „Uferstreifen an Fließgewässern – Funktion, Gestaltung und Pflege“, Herausgeber: Deutscher Verband für Wasserwirtschaft und Kulturbau e.V. (DVWK)
  3. Flügel, H. J., & Luka, H. (2017). Nützlinge fördern und nutzen. LEBBIMUK, Abhandl. Ber. Lebend. Bienenmuseum Knüllwald15, 118-135.
    Fluegel_Luka_2018_lebbimuk-15-p118-135.pdf
  4. HERING, D., et al., 2021: "Studie zu Insekten in Gewässerrandstreifen." Im Auftrag des NABU-Bundesverbands
  5. Kohleule (Mamestra brassicae)
  6. Nützlinge in Feld und Flur – Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, 4. Auflage, 2023
  7. https://www.deutschlands-natur.de/tierarten/fliegen/episyrphus-balteatus/
  8. https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/fliegen-und-muecken/24296.html
  9. https://www.umweltbundesamt.de/themen/landwirtschaft/umweltbelastungen-der-landwirtschaft/gefaehrdung-der-biodiversitaet
  10. https://www.landwirtschaft.de/umwelt/natur/biodiversitaet/wie-beeinflusst-die-landwirtschaft-die-artenvielfalt
  11. https://www.wwf.de/themen-projekte/artensterben/insektensterben
  12. https://www.lfl.bayern.de/iab/boden/339252/index.php
  13. Pflanzenschutz durch Nützlinge: Natürliche Helfer | Heinrich-Böll-Stiftung: https://www.boell.de/de/2022/01/12/pestizidatlas-2022-grafiken-und-lizenzbestimmungen 

Erläuterungen

  • Biomasse (Biologie): Gesamtheit der lebenden, toten und zersetzten Organismen eines Lebensraums einschließlich der von ihnen produzierten organischen Substanzen.
  • Parasitoid = Organismus, in der Regel ein Insekt, der sich parasitär entwickelt und am Ende seines Lebenszyklus seinen Wirt tötet.
  • Verproviantieren = Nahrungsvorräte werden angelegt, um sie für die Nachkommen bereitzuhalten. In diesem Beispiel werden Niströhren mit gelähmten Blattläusen gefüllt

 

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