Grove - Abzweig Neugrove in der Region Weser Elbe

Ökologie von Gewässerrändern

Natürliche Fließgewässer gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Aufgrund der engen Verzahnung mit ihrem Umland weisen sie ein buntes Mosaik an verschiedenen Strukturen auf, die Lebensraum für eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren bieten. Formende Kraft für die Ausbildung dieser vielgestaltigen Strukturen ist die Strömung: Während das Wasser bergab fließt, bearbeitet es die Sohle und den Uferbereich des Gewässers, bewegt Steine, verfrachtet Totholz und verlagert Inselbänke. Bäche und Flüsse ändern so beständig ihre Gestalt und mit ihr auch das angrenzende Ufer.  

In Niedersachsen finden sich kaum noch naturnahe Gewässer: Nur 3 % der Oberflächengewässer befinden sich nach EU-WRRL in einem ökologisch guten Zustand. Durch Ausbau, Gewässerunterhaltung und intensive landwirtschaftliche Nutzung wurden viele Bäche und Flüsse verschmälert, begradigt, verkürzt, die Sohle eingeengt und vertieft. Dadurch gleichen viele der Gewässer nur mehr kanalartigen Gerinnen ohne charakteristische Tier- und Pflanzenwelt. Viele Gewässer leiden darüber hinaus unter einer insgesamt zu hohen Nähr- und Schadstoffbelastung.

Niedersachsens Bäche und Flüsse durchfließen das Land auf einer Länge von mehr als 160.000 km. Dabei sind vom Quellgewässer über den Bergland- und Tieflandbach, vom kleinen bis zum großen Fluss und bis zum Strom alle Typen vertreten. Die Gestalt der Gewässer wird dabei maßgeblich durch geologische, geografische und klimatische Bedingungen im Einzugsgebiet geprägt. Bindeglied zwischen Wasser und Land ist das Ufer: Als Verbindungselement ermöglicht es auf stofflicher und organismischer Ebene den Austausch zwischen den aquatischen und terrestrischen Lebensräumen.

Demnach sind die dringend notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung der Fließgewässerökosysteme allein auf Ebene der Gewässer nicht ausreichend. Unser Projekt „Kurs auf Blau-Grün“ nimmt für die ökologische Wiederherstellung der Fließgewässer daher Maßnahmen im Uferbereich in den Blick. Ziel des Projektes ist es unter anderem, heimische Fließgewässer durch die Ausweitung von Gewässerrandstreifen effektiver vor Einträgen aus Pflanzenschutz- und Düngemitteln zu schützen. Dabei arbeiten wir eng mit Kooperationspartner*innen aus der Landwirtschaft und weiteren Entscheidungsträger*innen zusammen.

Gewässerrandstreifen – Was ist das genau?

Mit dem Begriff „Gewässerrandstreifen“, wird umgangssprachlich der Bereich entlang eines Gewässers bis an die daran angrenzende Nutzfläche verstanden. Per Definition handelt es sich bei Gewässerrandstreifen um Bereiche gesetzlich festgeschriebener Breite, für die spezifische Regelungen gelten. Gemäß Wasserhaushaltsgesetz (WHG, § 38) ist der Gewässerrandstreifen im Außenbereich ein Streifen beidseitig eines Gewässers zur Wasserspeicherung, Sicherung des Wasserabflusses und der Vermeidung von Stoffeinträgen aus diffusen Quellen in das Gewässer.

Mit dem Niedersächsischen Weg und der damit verbundenen Änderung des Niedersächsischen Wassergesetzes gelten seit 01.01.2021 für den Gewässerrandstreifen der Gewässer I., II.  und III. Ordnung Breiten von zehn, fünf und drei Metern. Darüber hinaus sind auf den Gewässerrandstreifen die Umwandlung von Grünland in Acker, das Entfernen von standortgerechten Bäumen und Sträuchern sowie der Einsatz und die Lagerung von Pflanzenschutzmitteln und Dünger verboten. Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen mit starker Hangneigung an Gewässern ist außerdem eine ganzjährig begrünte, fünf Meter breite Pflanzendecke zu erhalten bzw. herzustellen.

Bedeutung von Gewässerrandstreifen als Lebensraum

Je strukturreicher ein Gewässer(-abschnitt) ist, desto größer ist die Anzahl der zu besiedelnden Kleinstlebensräume. Das Vorhandensein verschiedener Strukturen im und am Gewässer ermöglicht so das Vorkommen vieler verschiedener Arten. Gewässer sind dabei nicht isoliert zu betrachten: Als offene Systeme stehen sie intensiv mit dem angrenzenden Umland im Austausch und übernehmen zusammen wichtige Lebensraumfunktionen. Die verschiedenen Lebensräume in und an einem Gewässer haben wichtige ökologische Aufgaben. Gewässer mit einem standorttypischen Bewuchs aus Röhrichten, Sträuchern und Gehölzen tragen zur Vernetzung von Lebensräumen bei - sowohl vom Gewässer zum Umland als auch entlang der Gewässer. Sie schützen das Gewässer vor Eintrag von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln über Erosions- und Auswaschungsprozessen angrenzender landwirtschaftlicher Flächen. Durch eine Vielzahl nebeneinander vorkommender Strukturen sind Gewässerrandstreifen Lebensraum und Wanderkorridor für viele bedrohte Arten.

Uferbereich am Grove-Altarm mit krautigem Bewuchs  (Bernd Quellmalz / BUND LV Niedersachsen)

Gewässer mit vielfältig und reich gestalteten Gewässerrandstreifen leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt. Je naturnäher und bewachsener Gewässerränder und ihre Uferbereiche sind, desto mehr und verschiedene Tiere finden hier einen Lebensraum mit ausreichend Nahrungsplätzen, Fortpflanzungs- und Rückzugsorten sowie Jagdrevieren vor. Natürliche Ufer stellen damit „Hotspots“ der Artenvielfalt dar.

„Hotspots“ der Artenvielfalt

Insbesondere die Fließgewässertiere sind auf vielfältige Strukturen sowohl im Wasser als auch an Land angewiesen, da sie – wie viele der Süßwasserinsekten - in ihrer Entwicklung an gleich mehrere Lebensraumelemente gebunden sind. Dazu gehören beispielsweise Eintagsfliegen, Libellen, Steinfliegen und Köcherfliegen. Nach der Internationalen Roten Liste gelten 33 % der Eintags-, Stein-, Köcherfliegen, Libellen und Zuckmücken als bedroht. Manche Insektenarten wie die Eintagsfliegen leben dabei die überwiegende Zeit im Wasser, während ihnen an Land nur wenige Stunden bis Tage zur Partnersuche, Paarung und Eiablage bleiben. Nur sehr wenige der Wasserinsekten leben ausschließlich im Wasser, wie einige Wasserwanzen- und Käferarten. In ihrer Entwicklung sind viele der Wasserinsekten eng an das Vorhandensein bestimmter Strukturen angewiesen. Sie reagieren hoch empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums und sind daher wichtige Zeigerorgansimen. So auch die Blauflügel-Prachtlibelle:

Infokasten Blauflügel-Prachtlibelle

Die Blauflügel-Prachtlibelle gehört zu den schillernden Kleinlibellen. Die Männchen haben tiefblau-grüne, die Weibchen bronzene bis kupferne Flügel. Die ausgewachsenen Libellen erreichen eine Flügelspannweite bis zu 7 cm. Bevorzugter Lebensraum der Blauflügel-Prachtlibelle sind schnell-fließende, beschattete und sauer-stoffreiche Gewässern, mit Temperaturen zwischen 13 und 18 ° C. Blauflügel-Prachtlibellen sind vor allem anzutreffen in Niederungslagen. Sie sind sehr wanderfreudig und suchen häufig weit vom Wasser entfernte Ruheplätze auf. Auffällig ist ihr flatternde, gaukelnde und an den von Schmetterlingen erinnernde Flug. Die Blauflügel-Prachtlibellen lassen sich an naturnahen, sauerstoffreichen Gewässern in der Flugzeit Ende Mai bis Ende Juni. Für die Eiablage stechen die begatteten Weibchen Wasserpflanzen an der Wasseroberfläche an. Dabei können sie auch komplett untertauchen. Dabei werden sie von den Männchen bewacht, und konkurrierende Libellen verteidigen. Die geschlüpften Larven halten sich überwiegend zwischen Wasserpflanzen und Wurzeln auf. Sie sind aber auch auf Treibgut, unter Steinen, auf Totholz und an unterspülten Ufern zu finden. Für ihre Entwicklung benötigen die Larven ein bis zwei Jahre. Die Larven reagieren sehr empfindlich auf Temperaturerhöhungen und einem damit vermindertem Sauerstoffgehalt, so dass sie in verschmutzten und verbauten Gewässern (ohne geeignete Lebensraumstrukturen) nicht überlebensfähig sind. Die Blauflügel-Prachtlibelle ist daher besonders auf naturnahe Fließgewässer mit vielgestalteten Gewässerränder angewiesen, in denen sich beschattet und besonnte Plätze abwechseln.

Lebenszyklus der Blauflügel-Prachtlibelle (Ausschnitt aus dem Ausstellungsbanner zum Thema „Gewässerrand“ als Bestandteil der Ausstellung „Alles im Fluss!? Wasser in der Krise“ (Initiator: Heinrich-Böll-Stiftung e. V.), Konzeption: BUND; Text: Mareike Andert; Grafik & Collage: Cosima Mangold, verändert durch BUND)

Hohe Lebensraumqualität

Insbesondere an Gewässer, die über weite Strecken naturfern ausgebaut sind, erfüllen Bereiche mit bewachsenen Gewässerrändern Trittstein- und Korridorfunktionen und sind damit wirksame Bindeglieder in der Biotopvernetzung. Gehölze am Gewässer bieten Brut- und Nistmöglichkeiten, Standorte zur Nahrungssuche, Sitz- und Jagdwarten, Verstecke und Rückzugsräume als Schutz vor Prädatoren oder vor Störungen durch menschliche Tätigkeiten. Eingetragenes Totholz sorgt für Strömungs- und Tiefendiversität im Gewässerbett und trägt so maßgeblich zur Erhöhung der Lebensraum-Qualität für viele der wasserlebenden Arten bei. Strukturreiche Gewässerrandstreifen sind dadurch nicht nur wertvolle Aufzucht- und Rückzugsräume für viele Tiere, sondern beeinflussen positiv die Strömungsverhältnisse des Fließgewässers, verringern den Stoffeintrag und wirken ausgleichend auf den Wasserhaushalt.

Über ihre Lebensraumbedeutung hinaus übernehmen Gewässerrandstreifen viele weitere Funktionen. Zudem profitiert auch der Mensch von einem vielfältigen Gewässerrand, der zur Erhaltung von Ökosystemleistungen wie der Bestäubung, Schädlingsregulierung oder dem Gewässerschutz einen wertvollen Beitrag leistet. 

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