Jedes Jahr fließen in Deutschland Millionen Euro in sogenannte Kompensationsmaßnahmen – Geld, das eigentlich der ökologischen Aufwertung von Natur und Landschaft dienen soll. Doch oft verpufft die Wirkung: Streuobstwiesen werden angelegt, aber nach wenigen Jahren nicht mehr gepflegt, wertvolle Lebensräume gehen wieder verloren. Wie sich das ändern lässt, diskutierten über 500 Vertreter*innen aus Verwaltung, Landwirtschaft, Naturschutz, Wissenschaft und Praxis auf der Streuobst-Kompensationstagung 2025, davon mehr als 100 Teilnehmende vor Ort in Hannover. Unter dem Motto „Mit Kompensationsmaßnahmen bundesweit Obstbäume erblühen lassen!“ zeigten der BUND Niedersachsen und die BaumLand-Kampagne, wie Kompensationsmittel künftig wirksamer eingesetzt werden können – für dauerhaft gepflegte Streuobstwiesen, die Artenvielfalt, Klimaschutz und Landschaftsbild gleichermaßen stärken.
In seiner Eröffnungsrede betonte Christian Meyer, niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz: „Streuobstwiesen sind besonders artenreiche Kulturbiotope und daher besonders wichtig für die Biodiversität. Sie wecken bei vielen Menschen positive Assoziationen. Dennoch sind diese – eigentlich landesgesetzlich geschützten – Biotope gefährdet. Wir wissen von vielen Kommunen, dass Kompensationsflächen mit Streuobstwiesen oft wieder überplant wurden. Es braucht jedoch diesen ausgleichenden Ersatz für die Zerstörung von Natur und Landschaft. Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist besonders in Zeiten der Klimakrise und des Artensterbens wichtiger denn je.“
Susanne Gerstner, Landesvorsitzende des BUND Niedersachsen, unterstrich: „Streuobstwiesen sind wertvolle Lebensräume und prägen unsere Kulturlandschaft. Dank des Niedersächsischen Weges sind sie als Biotop gesetzlich geschützt und zählen sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Dennoch gehen die Bestände zurück. Kompensationsmaßnahmen können einen wichtigen Beitrag leisten, um diese besonderen Lebensräume zu erhalten. Dafür muss eine langfristige und bestandsgerechte Pflege der Obstwiesen mit einer auskömmlichen Finanzierung sichergestellt werden.”
Dr. Benedikt Ehrenfels von der BaumLand-Kampagne forderte: „Die Baumbestände sind der blinde Fleck in den meisten Verfahren. Deshalb müssen in allen Verfahrensschritten Anreize zur fachgerechten Baumpflanzung und –pflege gesetzt werden. Dazu braucht es fachliche Mindeststandards in Ausschreibungen, Pflegeverträgen und in Pflegebestimmungen. Dazu gehören auch Qualifikationsnachweise für das ausführende Personal. Wir haben einen Leitfaden für Grundstückseigentümer*innen und Handlungsempfehlungen an die Politik entwickelt.”
Die Teilnehmenden diskutierten, wie Kompensation als Instrument so genutzt werden kann, dass Streuobstwiesen langfristig bestehen und einen naturschutzfachlichen und wirtschaftlichen Mehrwert bieten. Dazu wurde der Blick in verschiedene Bundesländer und auf Praxisbeispiele gerichtet, um von guten Modellen wie dem Thüringer Handlungskonzept zu lernen. Am Freitag endete die Veranstaltung mit dem Besuch einer ökologisch und wirtschaftlich vorbildlich angelegten Streuobstwiese.
Vorträge
Wie landesweite Standards für professionelle Obstbaumpflege in den Kommunen in Thüringen durchgesetzt werden, beleuchtete in seinem Vortrag Jens Düring, Abteilungsleiter bei der Unteren Naturschutzbehörde Erfurt.
Sabine Washof, Projektleiterin für Streuobst beim BUND Niedersachsen, erklärte in ihrem Vortrag, warum Fachkenntnisse rund um Streuobstwiesen für die Kompensation mit diesen so wichtig sind. Sie ist Projektleiterin des Projekts „Besonders gestreute und gepflegte Räume“, das die fachgerechte Pflege von Streuobstwiesen insbesondere in drei Modellregionen fördert. Das Projekt berät eine Vielzahl von Akteuren. Zudem fördert es Artenkenntnisse, baut professionelle Pflegetrupps auf und bildet Streuobstwiesen-Pädagog*innen aus.
Michael Kretzschmar, Referatsleiter im Umweltministerium Baden-Württemberg, legte dar, wie das Bundesland Kommunen dabei unterstützt, bestehende Obstwiesen aufzuwerten.
Katharina Cziborra, Referentin für Kompensation bei der BaumLand-Kampagne, stellte einen Praxis-Leitfaden für Bewirtschafter*innen und Flächeneigentümer*innen vor, den die Initiative entwickelt hat.
Klaus König, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Göttingen, hatte praktische Tipps im Gepäck, wie Streuobstwiesen langfristig abgesichert werden können.
Die Präsentationen der einzelnen Vorträge finden Sie hier:
- Philipp Angst, Baumwart: Erfolgsbewertung von Ausgleichspflanzungen
- Michael Grolm, BaumLand-Kampagne: Planung und Pflege für langlebige Streuobstwiesen
- Jens Düring, UNB Erfurt: Thüringer Zutaten: Professionelle Baumpflege & landesweite Standards
- Sabine Washof, BUND Niedersachsen: Kompensation fruchtet nur mit Fachwissen
- Michael Kretzschmar, Umweltministerium Baden-Württemberg: Das Land geht voran - Bestandsaufwertung und Hilfestellungen für die Kommunen
- Katharina Cziborra, BaumLand-Kampagne: Praxis-Leitfaden für Bewirtschafter*innen & Flächeneigentümer*innen
- Josh Immendorf, Nordappel: Mehrwerte schaffen mit Kompensation
- Klaus König, LPV Göttingen: Streuobstpflege langfristig absichern
- Josh Immendorf, Nordappel: Bewertung der Niedersächsischen Bilanzmodelle aus der Praxis
- Dr. Benedikt Ehrenfels, BaumLand-Kampagne: Anreize für Baumpflege setzen
- Prof. Dr. Christian Küpfer, StadtLandFluss: Streuobst als Ersatzmaßnahme zur Aufwertung des Landschaftsbilds
- Dr. Benedikt Ehrenfels, BaumLand-Kampagne: Politische Empfehlungen und Fazit
Hintergrund:
Um Eingriffe in Natur und Landschaft wie den Bau neuer Straßen, Gebäude oder Gewerbegebiete und die dabei versiegelten Flächen zu kompensieren, werden vermehrt Ausgleichsflächen geschaffen. Streuobstwiesen werden gerne als Ausgleich geplant, aber meist mangelhaft umgesetzt.
Viele dieser Streuobstwiesen werden derzeit nur drei bis fünf Jahre gepflegt. Je älter jedoch die Bäume sind, desto höher der Naturschutzwert der Wiesen. Sie können deshalb nur selten gesund wachsen und sterben früh ab.
Die Tagung fand im Rahmen des fünfjährigen BUND-Projekts „Besonders gestreute und gepflegte Räume“ statt. Es wird von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung gefördert.
Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft unterstützt die Arbeit der BaumLand-Kampagne rund um die Tagung.
Mehr Informationen und das Programm zur Tagung finden Sie hier.
Videos der Vorträge wurden auf den Youtube-Kanälen des BUND Niedersachsen veröffentlicht.
Kontakt:
Sabine Washof, BUND Niedersachsen, Projektleiterin „Besonders gepflegte und gestreute Räume“, Tel. (04141) 51 39 92, washof(at)nds.bund.net
Pressekontakt:
Marie Schächtele, BUND Niedersachsen, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, marie.schaechtele(at)nds.bund.net, Tel. (0511) 96569-82
www.bund-niedersachsen.de
In seiner Eröffnungsrede betont der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer, wie wichtig Streuobstwiesen als Ersatz für die Zerstörung von Natur und Landschaft sind.
Die Teilnehmenden tauschen sich darüber aus, was sich ändern muss, damit die Wirkung von Streuobstwiesen als Kompensationsmaßnahme nicht verpufft.
Susanne Gerstner, Landesvorsitzende des BUND Niedersachsen, betont, dass Kompensationsmaßnahmen einen wichtigen Beitrag leisten können, um die alten Obstwiesen zu erhalten.
Expert*innen der BaumLand-Kampagne fordern, dass Anreize zur fachgerechten Baumpflanzung und -pflege gesetzt werden.
Josef Tumbrinck, Abteilungsleiter im Umweltministerium Nordrhein-Westfalen, spricht in seinem Vortrag darüber, ob auch eine Dauerpflege über Ersatzgelder möglich ist.
Obstbaumwart Josh Immendorf von Nordappel hält einen Vortrag zum Thema „Mehrwerte schaffen mit Kompensation“.
Klaus König, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Göttingen, erklärt, wie Streuobstwiesen langfristig abgesichert werden können.
Katharina Cziborra, Referentin für Kompensation bei der BaumLand-Kampagne, stellt einen Praxis-Leitfaden für Bewirtschafter*innen und Flächeneigentümer*innen vor.
Benedikt Ehrenfels, Referent für Kompensation bei der BaumLand-Kampagne, spricht in seinem Vortrag über fachgerechte Baumpflege.